Die Fabrik des verschuldeten Menschen

 

von MAURIZIO LAZZARATO

German translation by b_books of the introduction to La Fabrique de l’homme endetté. Essai sur la condition néolibérale, Paris: Editions Amsterdam, 2011. A review of the book in English can be found here, in French here.

 

 

Einleitung

Wie vorher bereits in anderen Ländern entfaltet und konzentriert sich heute in Europa der Klassenkampf um die Frage der Schulden. Die Schuldenkrise hat mittlerweile auch die USA und die angelsächsische Welt erreicht, also die Länder, in denen das letzte Finanzdebakel seinen Anfang nahm, vor allem aber auch der Neoliberalismus.

Das Verhältnis Gläubiger-Schuldner steht im Zentrum unseres Ansatzes; in transversaler Weise intensiviert es die Mechanismen der Ausbeutung und der Herrschaft und unterscheidet nicht mehr zwischen Arbeitern und Arbeitslosen, Konsumenten und Produzenten, Aktiven oder Inaktiven, Rentenbeziehenden und Beziehern von RSA[1]. Dem Kapital gegenüber sind alle „Schuldner“, schuldig und verantwortlich, und entsprechend wird das Kapital zum Großen Gläubiger, zum Universal-Gläubiger. Die aktuelle „Krise“ zeigt ohne jede Zweideutigkeit, dass der zentrale Einsatz des Neoliberalismus weiterhin der Besitz ist, denn das Verhältnis Gläubiger-Schuldner drückt ein Kraftverhältnis aus zwischen Besitzenden (von Kapital) und Nichtbesitzenden (von Kapital).

Über diese öffentliche Schuld ist die gesamte Gesellschaft verschuldet, was allerdings die „Ungleichheiten“ nicht mindert, im Gegenteil verschärft und man sollte sie durchaus wieder als „Klassenunterschiede bezeichnen.

Die ökonomischen und politischen Illusionen der letzten vierzig Jahre fallen nun eine nach der anderen und machen die neoliberalen Politiken noch brutaler. New Economy, Informationsgesellschaft, Wissensgesellschaft, sie alle lösen sich in der Schuldenökonomie auf. In den Demokratien, die über den Kommunismus triumphiert haben, treffen Wenige die Entscheidungen für alle anderen (einige Funktionäre des Internationalen Währungsfonds, der europäischen Institutionen und ihrer Zentralbank, so wie einige Politiker/innen) und folgen damit nur den Interessen einer Minderheit. Die überwältigende Mehrheit der Europäer/innen wird durch die Schuldenökonomie dreifach enteignet: enteignet von der ohnehin geringen, in der repräsentativen Demokratie zugestanden politischen Macht; enteignet von einem wachsenden Reichtum, der ihnen in den vergangenen Kämpfen der kapitalistischen Akkumulation entrissen wurden; enteignet vor allem von der Zukunft, d.h. von der Zeit als Entscheidung, als Wahl, als Mögliches.

Die Abfolge der Finanzkrisen ließ eine subjektive Figur überaus deutlich hervortreten, die zwar auch vorher schon existent war, die aber von nun an das Ensemble des öffentlichen Raums besetzt: die Figur des „verschuldeten Menschen“. Die vom Neoliberalismus in Aussicht gestellten subjektiven Realisierungen („alle sind Aktionäre, Besitzer, Unternehmer“) lassen uns in die existentielle conditio dieses verschuldeten Menschen stürzen, der für sein eigenes Schicksal selber verantwortlich ist und entsprechend schuldig. Der hier vorliegende Aufsatz schlägt eine Genealogie und eine Untersuchung der ökonomischen und subjektiven Fabrik des verschuldeten Menschen vor.

Seit der vorletzten Finanzkrise, die mit der Internetblase zerplatzte, hat der Kapitalismus die epischen Narrationen aufgegeben, die er um die „Begriffspersonen“ des Unternehmers gebaut hatte, des Kreativen, des unabhängigen, „auf seinen eigenen Chef stolzen“ Arbeiters gebaut hatte, der für das Gemeinwohl arbeiten sollte, in dem er ausschließlich seine persönlichen Interessen verfolgt. Die Implikation, die subjektive Mobilisierung und die Arbeit am Selbst, wie sie das Management seit den 80er Jahren predigen, haben sich in den Befehl verwandelt, alle Kosten und Risiken der ökonomischen und finanziellen Krise auf sich zu nehmen. Die Bevölkerung muss sich mit all dem belasten, was die die Unternehmen und der Wohlfahrtsstaat in Richtung Gesellschaft „externalisieren“ und das sind in erster Linie die Schulden.

Für die Bosse, für die Medien, die Politiker/innen und die Experten liegen die Ursachen der Situation weder in den monetären und fiskalischen Politiken, die das Defizit aushöhlen, in dem sie die Reichtümer massiv auf die Reichsten und die Unternehmen transferieren, noch in der Abfolge der Finanzkrisen, die, nachdem sie während der „gloriosen Dreißiger“ (1945 – 1973) praktisch verschwunden waren, sich nun immer wiederholen und der Bevölkerung enorme Summen abpressen, um zu verhindern, was sie eine „systemische“ Krise nennen. Für all, die an Amnesie leiden, liegen die wahren Ursachen dieser sich wiederholenden Krisen in den exzessiven Forderungen derjenigen, die wie „Heuschrecken“ leben wollen, die (vor allem südeuropäischen) Regierten und in der Korruption der Eliten, obschon die Korruption in Wahrheit immer schon eine Rolle in der internationalen Aufteilung von Arbeit und Macht gespielt hat.

Der neoliberale Machtblock kann und will diesen „Exzess“ der Finanzen nicht „regulieren“, da sein politisches Programm immer noch durch dieselbe Wahl und Entscheidung bestimmt ist, die uns in die letzte Finanzkrise geführt hat. Im Gegenteil will er dieses Programm, von dem er bereits seit den 70er Jahren phantasiert, mit der Erpressung eines Konkurses der Staatsschulden zur allgemeinen Anwendung bringen: die Gehälter auf das Minimum zu reduzieren, die Sozialausgaben kappen, um den Wohlfahrtsstaat in den Dienst der neuen „Sozialhilfeempfänger“ zu stellen (die Unternehmen und die Reichen) und alles privatisieren.

Uns fehlen die theoretischen Instrumente, Begriffe und Ausdrucksformen, um nicht nur die Finanzen zu analysieren, sondern die sie beinhaltende und sie übersteigende Schuldenökonomie und ihre Politik der Unterwerfung/Subjektivierung.

Wir werden uns in diesem Buch die Wiederentdeckung des Verhältnisses Gläubiger-Schuldner im Anti-Ödipus von Deleuze und Guattari zu nutze machen. 1972 veröffentlicht, antizipiert das Buch theoretisch die Verschiebung, die das Kapital in der Zeit danach durchführen wird und es erlaubt uns, im Lichte einer Lektüre von Nietzsches Zur Genealogie der Moral ebenso wie der marxschen Geldtheorie zwei Hypothesen zu reaktivieren. Der einen Hypothese zufolge ist das Paradigma des Sozialen nicht durch den (ökonomischen und/oder symbolischen) Tausch gegeben, sondern durch die Asymmetrie von Schulden/Kredit, die jener von Produktion und bezahlter Arbeit historisch und theoretisch vorausgeht. Der anderen Hypothese zufolge sind die Schulden ein ökonomisches Verhältnis, untrennbar von der Produktion des schuldnerischen Subjekts und seiner „Moralität“. Die Ökonomie der Schulden verdoppelt die Arbeit im klassischen Sinne des Begriffs, einer „Arbeit am Selbst“, in der Art wie sie Ökonomie und „Ethik“ zusammen funktionieren lassen. Das zeitgenössische Konzept der „Ökonomie“ deckt gleichzeitig die ökonomische Produktion wie die Produktion von Subjektivität ab. Die klassischen Kategorien der revolutionären Sequenz des 19. und 20. Jahrhunderts – Arbeit, Soziales und Politik – werden durch die Schulden durchkreuzt und weitgehend neu definiert. Es ist daher notwendig, sich in das Gebiet des Feindes vorzuwagen und die Ökonomie der Schulden und die Produktion des verschuldeten Menschen zu analysieren, um den Versuch zu machen, einige Waffen zu konstruieren, die dazu dienen können, die sich ankündigenden Kämpfe zu konstruieren. Denn die Krise, weit davon entfernt, beendet zu sein, droht sich auszuweiten.

 

 


[1] revenu de solidarité active, entspricht Hartz4

 

 

 

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